coro per resistencia

Nordlichter

Ein Chor als wütender Aufschrei

Von Günter Schmitt 

Der „coro per resistencia“ mit skandinavischer Chormusik in der Rudolf-Steiner-Schule – Guter Besuch

Unter dem Motto „Nordlichter“ präsentierte der „coro per resistencia“ am Sonntag in der Rudolf-Steiner-Schule in Nürtingen skandinavische Chormusik. Foto: Raisch

NÜRTINGEN. In kaum einem anderen Teil der Welt wird die Chormusik in einem Maße gepflegt wie in den baltischen und skandinavischen Ländern. Es wäre ein Wunder, wenn vor diesem Hintergrund nicht auch viel für den Chor geschrieben würde. Dass dies von vielen dort heimischen Komponisten auch als Aufforderung verstanden wird, zeigte am Sonntag in der Rudolf-Steiner-Schule der „coro per resistencia“ mit einem Abend skandinavischer Chormusik. Für ein doch recht spezielles Programm war das Konzert überraschend gut besucht.

Gleich elf Komponisten von Chormusik erfuhren die Ehre einer Aufführung. Im Großen und Ganzen bieten die Chöre eine in Stil und Duktus gebändigtes Musizieren, aber es gibt Ausnahmen. Eine der Ausnahmen bildete „Warning to the Rich“ von Thomas Jennefelt. Der Chor ist ein einziger wütender Aufschrei gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt. Hier konnte der „coro“ die ganze Bandbreite seiner Möglichkeiten ausspielen, und er tat es mit Vehemenz.

Der große Strom melodischer Klangbündel erfährt gehauchte und gesprochene Einwürfe in anschwellender Lautstärke bis hin zum empörten Aufschrei. Dissonanzen sind hier keine Verzierung, sondern notwendiger Ausdruck.

Die Komposition, der auch Worte aus der Bibel zugrunde liegen, war schon bei der ersten Aufführung ein Erfolg. Das alle Register moderner Chormusik ziehende Stück erinnert in seiner Wucht an das „Barrabam“-Geschrei in der Johannespassion von Bach.

Der Thomaskantor fehlte denn auch nicht im Wechselbad des vielfältigen Programms. In „Immortal Bach“ bringt der Komponist Knut Nystedt die Kunst der Variation in Erinnerung. Ausgehend von Bachs Choral „Komm süßer Tod“ zeigt er, was sich in einer solchen Melodie an Entwicklungsmöglichkeiten verbirgt. Der „coro“ dringt tief in die verschatteten Klänge dieser Seelenspiegelbilder eines Komponisten ein, dem das Dunkel des Menschseins nicht unbekannt war.

Es ist ein ästhetisches Ereignis, wie es nicht jeden Tag zu hören ist, wenn aus der Klangwolke eine einzelne Stimme bricht und ein eigenes Leben entwickelt, nur aber, um vom Gesamtchor wieder aufgenommen zu werden und im zartesten Anhauch zu verklingen.

Dirigent Felix Schuler-Meybier leitete den Chor wie in einem Selbstgespräch, lyrisch verinnerlicht, wenn es geboten war, und dramatisch nach außen gekehrt, wenn die Partitur es verlangte. Nichts wurde in zwanghaftem Verdeutlichungsdrang überzeichnet, nicht die Tempi und nicht die Lautstärke, nicht die Betonung und nicht die Melodiegestaltung. Souveränität wurde noch in der Engführung der melodischen Linie an den Tag gelegt.

Die Chormusik aus dem Norden, hierzulande selten zu hören, ist reich an plastischen Melodien. Interessanterweise zeigt sie, dass auch Motive Karriere machen können. Die wohl überraschendste Karriere machte das Hauptmotiv eines schwedischen Volksliedes. Als Friedrich Smetana Kapellmeister an der Königlichen Oper in Stockholm war, lernte er ein Volkslied kennen, dessen geschmeidig ansteigende melodische Figur ihn sofort gefangen nahm. Wieder zurück in seiner Heimat, machte er es zum Hauptmotiv seiner „Moldau“, einer Verarbeitung von so poetischer Schönheit, dass sie sogar in die israelische Nationalhymne einging.

Für allfällige Kontraste sorgte Johannes Zimmermann am Flügel. So spielte er die Herbstmusik aus den „Jahreszeiten“ von dem in Riga lebenden Peteris Vasks. Es ist eine herbe Musik voller obertonreicher Farbspiele. Massive Akkorde wechseln mit silbrig sich kräuselnden Klängen der Spätromantik. Trotz manch kühner Harmonie verliert der Komponist zu keinem Zeitpunkt den Zuhörer aus den Augen. Von Edvard Grieg spielte Zimmermann drei Kompositionen aus den „Lyrischen Stücken“. Er gab den unverwechselbaren Lyrismen wie der Tonmalerei des großen Norwegers die ganze Süße romantischen Musizierens. Er brachte die Töne zum Leuchten und ließ sie in den schnellen Läufen schwerelos in fließende Linien münden.

Im Verlauf des Abends gab es eine Fülle schöner Kleinigkeiten zu bewundern: zart verlöschende Schlussakkorde, beeindruckend aufgebaute Crescendi oder genau ausgepinselte Pianostellen. Eine ganze Klanglandschaft wurde ausgehorcht. Sie ist so vielfältig und gegensätzlich wie die Natur jener Länder im Norden, aus denen diese klangvolle Musik kommt. Lautstarker Applaus; Blumen für den Dirigenten und den Pianisten, dann noch zwei Zugaben.

Nürtinger Zeitung vom 23. Oktober 2012

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