Musik als Weltsprache

Der coro per resistencia konzertierte zusammen mit Solisten und Orchester im Saal der Rudolf-Steiner-Schule

Der coro per resistencia, Sopranistin Elisabeth Wimmer und das „ensemble flessibile“ ergänzten sich vortrefflich. Foto: Erika Kern

VON HELMUTH KERN 

Es war schon ein ganz besonderes, eindringliches Herbstkonzert des coro per resistencia, das am Sonntag in dem wegen seiner sehr guten Akustik geschätzten Großen Saal der Rudolf-Steiner-Schule unter dem einfühlsamen und behutsamen Dirigat seines Chorleiters Fabian Wöhrle erklang.

Schon das Programm war ein besonderes: Zwei christliche Lobkantaten rahmen zwei Folksong-Zyklen. Fanny Hensels „Lobgesang“ (1831), eine Kantate zum ersten Geburtstag ihres Sohnes, in der Bach’sche Klangwelt in romantischer Anverwandlung erklingt, und Benjamin Brittens „Rejoice in the lamb“ – Freuet euch in dem Lamm (1941), eine Kantate zum 50-jährigen Bestehen der St. Matthew’s Church in Northampton: Eine Vertonung von Ausschnitten außergewöhnlicher Gedichte von Christopher Smart (18. Jahrhundert), in einer der Tonalität verpflichteten Musiksprache.

Dazwischen erklangen zunächst Luciano Berios „Folk Songs“ (1964). Berio hat sie für seine erste Frau Cathy Berberian – bekannt durch ihren außergewöhnlich großen Stimmumfang – komponiert. Es folgte John Rutters (1946) „The Sprig of Thyme“, eine Zusammenstellung von traditionellen englischen, schottischen und irischen Volksliedern, geprägt von vielschichtiger Harmonik und Rhythmik.

Besonders war auch das schmal besetzte Orchester „ensemble flessibile“, lebendig und ausdrucksvoll musizierend, und ein stimmlich präsenter coro per resistencia, sich den teilweise hohen musikalischen Herausforderungen stellend, mit vokalem Potenzial in allen Stimmlagen, mit gut besetzten Männerstimmen.

Die musikalischen Anforderungen hervorragend gemeistert

Besonders auch die Solopartien von versierten und professionellen Sängern im Chor: Felix Preisenberg (Tenor) und Sascha Kecskes (Bariton). Das Ganze krönend Elisabeth Wimmer mit ihrem jungen, strahlenden, sehr modulationsreichen Sopran, die kurzfristig auch den Part der erkrankten Altistin Annelie Sophie Müller mit übernahm. Mit ihr hatte Wöhrle eine profilierte und außergewöhnliche Sängerin gewonnen; sie meisterte die unterschiedlichen musikalischen Anforderungen hervorragend.

In Fanny Hensels „Lobgesang“ machte der „coro“ die musikalische Struktur des Werks und dessen Klangwelt in Eingangs- und Schlusschor hörbar, zeigte Elisabeth Wimmer in Rezitativ (Alt) und Arie (Sopran) ihre am Musikdrama geschulten vokalen Fähigkeiten, mit ihrer tragenden, vollen, bis in höchste Lagen hinein leuchtend reinen Stimme. Dazu ein sehr musikantisch spielendes Orchester, mit seinen neunzehn Instrumentalisten ein voller, sehr dynamischer Klangkörper.

Elisabeth Wimmers Bandbreite an Interpretation wurde in den „Folk Songs“ für Mezzo-Sopran und sieben Instrumente von Luciano Berio deutlich. In seinen Arrangements kommt der Reichtum an Stimmungen und Gefühlen der Volkslieder oder deren Nachempfindung zum Ausdruck. Der Bogen der Lieder reicht von den USA über Armenien, Frankreich, Sizilien, Italien, Sardinien, die Auvergne bis nach Aserbaidschan. Wechselnde Instrumentalbesetzungen mit ihren unterschiedlichen, sehr spannenden und ausdrucksstarken Klangwelten mit überraschenden Harmonieentwicklungen; Instrumente als Dialogpartner der Stimme oder als Klangflächen, über denen sich die Melodie entwickelt. Melancholie, Klage, Sehnsucht. Angst im Lied der Fischerin: düstere Schlagzeugklänge, lustvoller Tanz in der Eigenschöpfung Berios, dem Ballo, oder dem mitreißenden Aserbaidschanischen Liebeslied mit rauschhaftem Rhythmus und der raffinierten, wirkungsvollen Instrumentalbesetzung mit Trommel, Bratsche und Cello als spannendes rhythmisches Fundament. Folk-Songs – ein grandioses Stück wurde in einer sehr eindrücklichen Interpretation von sieben Instrumentalisten geboten: Erich Scheungraber (Viola), Sophie Scheungraber (Violoncello), Viola Tränkle (Flöten), Claudia Sanchez (Klarinette), Eva Bredl (Harfe), Jessica Porter und Johannes Reischmann (Schlagzeug). Das Publikum bedankte sich mit minutenlangem Applaus und Beifallsrufen.

Der Liederzyklus „The Sprig of Thyme“ (Der Thymianzweig) des zeitgenössischen britischen Komponisten John Rutter hat seinen Namen nach dem vierten Lied dieser Sammlung von Volksliedern aus England, Schottland und Irland. Elf sehr abwechslungsreich komponierte Volkslieder sind hier zusammengestellt. Oft ist der Chor einstimmig gehalten, die Orchesterstimmen haben tragende Funktion. Ein Zyklus von Liebesliedern, auch hier in unterschiedlichen Stimmungen, in ihren Eigenarten sehr schön vom Chor, der Solistin und dem Orchester herausgearbeitet.

In Brittens Kantate „verbinden sich viele Einflüsse zu einem neuen Ganzen und dies ergibt zusammen mit der frischen Britten’schen Musik ein augenzwinkerndes Lob der Schöpfung“ (Wöhrle). Chor, Solisten und Orchester spielten diese Facetten beeindruckend aus, entwickelten spannungsvoll die musikalischen Linien, ihre dynamischen Qualitäten – eine Klangwelt voller Brechungen und Harmonien, vielstimmig und psalmodierend, fröhlich und klagend. Am Ende dann ein frohes aufsteigendes und gleichsam wieder zur Erde absteigendes Halleluja.

Frenetischer Applaus des Publikums, Dank für ein sehr eindrückliches Konzert. Dank auch für ein nicht alltägliches, sehr stimmiges Programm, in dem das gesungene Wort, ob chorisch oder solistisch, durchgehend tragendes Element war. Es wurde klar: Musik ist eine Weltsprache, die unmittelbar verstanden werden kann.

Nürtingen Zeitung vom 18.10.2016

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