Lieder von kleinen Leuten und großer Politik

NÜRTINGER ZEITUNG v. 13.11.07

Der coro per resistencia präsentierte am Samstag in der S-bar eine Chor-Revue mit Texten von Kurt Tucholsky und Mascha Kaléko

NÜRTINGEN. Ein neues Konzept in einer neuen Umgebung das diesjährige Konzert des coro per resistencia überzeugte am Samstag vollständig. Mit Texten von Mascha Kaléko und Kurt Tucholsky und Liedern aus dem Alltag der kleinen Leute voller politischer Anspielungen begleiteten Dirigent Peter Lauterbach, die Solistin Hilde Scheerer, Sprecher Klaus Lerm sowie die Sängerinnen und Sänger des 1981 gegründeten Nürtinger Chores mit einem Trio ausgewählter Musiker ein viergängiges Menü, das dem zahlreichen Publikum in der S-bar Heller gereicht wurde.

Oder war es umgekehrt? Nicht so wichtig, da am Samstagabend einfach alles passte: Der coro hatte sich offenbar nicht gescheut, in jeder Hinsicht einen Schritt in Richtung Publikum auf sich zu nehmen, Peter Lauterbach war als Arrangeur einmal den umgekehrten Weg gegangen, hatte diesmal nicht hoch anspruchsvolle Gesangsliteratur auf die Bedürfnisse eines doch relativ kleinen Klangkörpers reduzieren müssen, sondern hatte für Solisten konzipierte Kompositionen von Friedrich Hollaender, Hanns Eisler und anderen mehrstimmig für den Chor arrangiert. Mit Wolfgang Daiss, Georg Dietl und Steffen Hollenweger hatte man Musiker engagiert, die aufs Feinste mit dem Chor, der Solistin und dem Sprecher harmonierten. Und schließlich sorgte das Team des Küchenchefs der S-bar liebevoll und reichlich für das leibliche Wohl der Zuhörer.
Eingeklemmt lag der Samstagabend zwischen dem schicksalsträchtigen 9. November und dem gänseprächtigen Martinstag. Es gab Hühnchen, Himbeerschaum und roten Wein. Dazu von Tucholsky jenen Text über die SPD der Weimarer Jahre, in dem er die Sozialdemokraten mit Radieschen vergleicht: außen rot und innen weiß. Ob da wirklich alle Sänger mit Inbrunst einstimmen konnten? Gut, dass sich das in einem Chor wie dem coro per resistencia leicht ausgleichen lässt, weil auch einigen eben jener Text wie guter Cognac über die Stimmbänder geflossen sein mag. Die Dummheit des Publikums und der Opportunismus seiner Kollegen regten Tucholskys Feder zum Fluge und die Stimmen der Sänger zum Vollklang an, klangs doch schnedderedeng schon wie Gleichschaltung: und sie immer mitn mit, mitn Schmidt, mitn mit. Nach Paris fahren müssen, um Mensch sein zu dürfen und nicht nur Zivilist, Gedanken an die Mutter und das Schicksal anderer Frauen Tucholsky hatte nicht nur die große Politik im Sinn, wenn es galt, den Alltag der Menschen, der auch seiner war, zu durchleuchten. Er tat das in Versen und tats als Peter Panter, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger oder Kaspar Hauser, tats unbewusst zum Glück für Laienchöre und deren Publikum, die nicht zuletzt dadurch einen Abend wie den des vergangenen Samstag goutieren konnten.
Mascha Kaléko sprach mit einer Stimme, die oft wie die Tucholskys klang und doch eine eigene Farbe in die Welt brachte: In ihr klangen Selbstironie, Spottlust, angeflogen von einem Hauch Traurigkeit und Resignation an. Eine gnadenlos genaue Beobachterin von Situationen und Gefühlen war die deutsch-jüdische Schriftstellerin, die ihre durch die Machtübernahme der Nazis immer weniger haltbar gewordene Existenz in Berlin in lyrische Berichte abfasste, die der Diskrepanz von Traum und Wirklichkeit während des Erwachsenwerdens und danach eine Stimme gab und wohl wegen der ihr eigenen Illusionslosigkeit sich von niemandem einfangen oder benutzen ließ. Für die Lieder der 1975 in Zürich gestorbenen Dichterin hatte Peter Lauterbach auf Vertonungen und Chorarrangements von Uli Führe zurückgegriffen, was sich im nächsten Programm-Block schon wieder ändern sollte.
Denn Kurt Tucholsky war, wie man hörte, auch ein Meister des damals im Kabarett viel gespielten Couplets, wobei er den Emanzipationsbewegungen seiner Zeit viel Raum gab. Obs nun seine Beine oder ihre waren oder die Litfaßsäule, die ihm in die Quere kam, Tucholsky formte die Strophen und Musiker wie Hollaender, Bienert und Nelson schrieben die Musik dazu natürlich nicht unbedingt für einen gemischten Chor. Die Aufgabe machte sich Lauterbach zu eigen und arrangierte, bis er, wie im Stoßseufzer einer Dame in bewegter Nacht, dem Chorsatz alle dem Stück sonst eigene Erotik geopfert hatte, oder, anderes Extrem, mit seinem Chor einen vielstimmigen Tamerlan hinlegen konnte, der in puncto Inbrunst und Überzeugungskraft nichts zu wünschen übrig ließ. Donnernder Applaus forderte eine Zugabe nach der anderen. Auch Hilde Scheerer und Klaus Lerm mussten gemeinsam mit den Musikern noch einmal auf die Bühne, um den Beifall eines begeisterten Publikums entgegenzunehmen. Heinz Böhler
Hilde Scheerer sang, Klaus Lerm las Texte von Tucholsky.