coro per resistencia

Sensationelle Aufführung eines Meisterwerks

Konzert: Der Nürtinger Chor „coro per resistencia“ befreit sich mit einer fulminanten Darbietung des „Canto General“ von den Fesseln der Corona-Zwangspause und wird vor ausverkauftem Haus gefeiert.

Hans-Günther Driess

NÜRTINGEN. Eine sensationelle Wiederauferstehung nach der langen Corona-Zwangs-Pause haben sie hingelegt, die Sängerinnen und Sänger des „coro per resistencia“, die Altistin Jeschi Paul, der Bariton Fernando Dias Costa und das 16-köpfige Orchester unter Leitung von Fabian Wöhrle. Beifallsstürme brandeten immer wieder mitten in den Gesängen auf und am Ende wollten die begeisterten Zuhörerinnen und Zuhörer die Agierenden nicht mehr von der Bühne lassen.

Sehnsucht nach Freiheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit

Brodelnde Urwaldatmosphäre und der Befreiungsschrei der Revolution vereinigen sich in der Poesie des „Canto General“ des großen chilenischen Dichters und Nobelpreisträgers Pablo Neruda (1904 bis 1973), den der bekannteste griechische Komponist Mikis Theodorakis (1925 bis 2021) in den 1970er-Jahren ausschnittsweise vertont hat. Sowohl der Dichter als auch der Komponist haben in ihren Heimatländern Chile und Griechenland politische Unterdrückung und persönliches Leid erlebt. Deswegen spiegelt ihr gemeinsames Meisterwerk, das Oratorium „Canto General“, auf authentische Weise durch den Inhalt der bildreichen Sprache und die leidenschaftlichen musikalischen Klänge in künstlerischer Form die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit wider.

Im Konzert erklangen acht der insgesamt zwölf vertonten Neruda-Gedichte, die die leidvolle Geschichte Amerikas und die großartige Natur des Kontinents widerspiegeln. Letztere wird im Eingangsstück „Algunas bestias“ (Einige Tiere) mit mächtigen Akkordschichtungen im Fortissimo kraftvoll und intensiv in Szene gesetzt. Der Chor besticht durch Ausgewogenheit der Stimmregister, reine Intonation und deutliche Artikulation, wobei das Spanisch wie selbstverständlich über die Lippen kommt. Die eruptive Musik wirkt im schnellen Teil wie ein Aufbäumen der Naturgewalten gegen Ungerechtigkeit und im zweiten Teil scheint die Welt in permanent wiederholten Tonfolgen und rhythmischen Patterns geradezu aus den Fugen zu geraten. Jeschi Paul brilliert mit ihrer ausdrucksstarken warmen Altstimme und gibt den Inhalt der Dichtung im dramatischen Wechselgesang mit dem Chor eindrucksvoll wieder.

Dirigent Fabian Wöhrle beherrscht souverän die anspruchsvolle Partitur mit ihren häufigen Taktwechseln im Duktus griechischer Tanzrhythmen. Aus seinen Händen strömt Sicherheit ins Ensemble, er strahlt Ruhe aus, gibt prägnante Einsätze und zeigt ein feines Gespür für Ausdruck und angemessene Tempi. Welch ein Glücksfall für diese Aufführung ist das mit Studierenden und Berufsmusikern aus dem süddeutschen Raum besetzte Orchester. Die beiden Pianistinnen, sechs Schlagzeuger und Schlagzeugerinnen, drei Flöten, drei Gitarren und der E-Bass sorgen für einen farbigen Klanggrund und verleihen der Aufführung in zahlreichen Instrumental-Soli Glanzpunkte. Hervorragend fungiert die Tontechnik, die in Bezug auf Balance zwischen Chor, Solistin, Solist und Instrumenten keine Wünsche offenlässt.

Mit den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten seiner großartigen sauber intonierten Stimme zieht der Bariton Fernando Dias Costa das Publikum in seinen Bann. In „América insurrecta“ (Aufständisches Amerika) zeigt er eindrucksvoll sein Mitgefühl mit den unterdrückten Inkas, gleichermaßen seine Wut auf die spanischen Eroberer, und seine sonore Stimme begeistert nicht zuletzt mit angenehmem Timbre in der tiefen Lage. Herrlich ertönt sein ergreifender von religiöser Innigkeit gespeister Gesang in „Voy a vivir“ („Ich will leben“). Der Chor gefällt hier mit choralartigem Gesang, der seine Wurzeln in den byzantinischen und griechisch-orthodoxen Kirchenliedern nicht verbergen kann, die Theodorakis schon als Kind bei Gottesdienstbesuchen in seiner Heimat auf der Insel Chios in sich aufgesogen und später verarbeitet hat.

Ihre Vielseitigkeit stellt die Sängerin Jeschi Paul unter Beweis in „Vegetaciones“ (Die Pflanzen), „Vienen los pajaros“ (Die Vögel erscheinen) und „Los Libertadores“ (Die Befreier). Mit sauberen Tönen und angenehmem Timbre meistert sie den tiefen und mittleren Tonbereich dieser Lieder und wechselt von energisch-ernsten Passagen in Bereiche voll zarter Empfindung.

Im Schlusslied „Los Libertadores“ lassen die Choristen nochmals ihre Befreiung spüren. Locker, aber konzentriert, spielt sich das Schlagwerk in einen Spielrausch und der Dirigent hält die Fäden zusammen, um wie ein Dramaturg die Schlusssteigerung herbeizuführen.

NÜRTINGER ZEITUNG v. 26. Juli 2022

 

 

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