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Der coro per resistencia begeisterte beim Benefizkonzert in der Nürtinger Lutherkirche

Gut eingespieltes Team: Chorleiter Fabian Wöhrle und der coro per resistencia Foto: Kern
Gut eingespieltes Team: Chorleiter Fabian Wöhrle und der coro per resistencia Foto: Kern

NÜRTINGEN. Über 200 Besucherinnen und Besucher kamen zum Benefizkonzert des coro per resistencia mit Weihnachtsliedern aus aller Welt, das letzten Samstag in der Lutherkirche stattfand. Thema und Anlass waren ein Magnet: Carols zugunsten des Kindertagesheims Casa del Sol, das dem Sozialzentrum in Margarita Belén angegliedert ist, einem Dorf in der Nähe der Stadt Resistencia in der Provinz Chaco im Norden Argentiniens, einer der ärmsten Regionen des Landes. In einem kontrast- und abwechslungsreichen Programm unter der Leitung von Fabian Wöhrle wurde die froh machende Botschaft von der Geburt des göttlichen Kindes besungen – ein großer Spannungsbogen im Liedgut unterschiedlicher Völker in zeitgenössischen Chorsätzen.

Abwechslungsreiche Reise durch die Weihnachtsliederlandschaft

Die Reise durch die Weihnachtsliederlandschaft begann in Schweden, ging über Frankreich, Russland, Kanada, Venezuela, Großbritannien, Guinea, USA, Slowakei, Korea und endete in Peru. Geografisch ein Zickzackkurs, inhaltlich jedoch stringent zusammengestellt: vom strahlenden Weihnachten („Jul, jul strålande jul“), an dem das göttliche Kind geboren wird („Il est né, le divin Enfant“), in der Heiligen Nacht, in der Gott Mensch geworden ist („Eta notsch swjataja“), während des kalten Wintermonds („Huron Carol“), in dem am Himmel der Stern zu sehen ist, Musik erklingt und die Hirten sich beeilen sollen, um das Kind anzubeten („Corramos, corramos“), mitten im kalten Winter, und der Mensch sich fragt, was er Gott, der in Menschengestalt geboren sei, geben könnte („In the bleak midwinter“), in dem ein Stern den Weg dorthin weist, wo Christ geboren ist („Kiris Bara Bari“), in der die Hirten aufstehen sollen „Rise up shepherd“, in der ein Wiegenlied erklingt („Búvaj, Diet’a krásne“), zu klangvollen Weihnachtsglocken („Tan il dschong“) bis hin zu den Drei Königen, Gaspar, Melchior und Baltasar, die am Ende des Abends unter „Burum, burum, bum, bum, Ha!“ Geschenke bringen („Festejo de Navidad“).

Fabian Wöhrle, seit 2015 Leiter des coro per resistencia, hatte die Chorsätze nicht nur inhaltlich stimmig aneinandergefügt, sondern – im Programm durch Sternchen markiert – daraus eine groß angelegte sechssätzige Gesamtkomposition gemacht. Sie war geprägt von den unterschiedlichen Mentalitäten und Stimmungsgehalten der Lieder. Der zweite, vierte und fünfte Satz waren jeweils rein instrumental in der Besetzung für Saxofon (Anne Siebrasse, Sopran- und Altsaxofon) und Orgel (Fabian Wöhrle). Meditative Phasen.

Klangprächtig musizierten Siebrasse und Wöhrle zwei Sätze aus dem Concerto in c-Moll für Oboe, Streicher und Basso continuo von Benedetto Marcello (1686–1739) in einer Fassung für Saxofon und Orgel, die Siebrasse in leuchtender, klarer Farbigkeit ausspielte. Sie brachten die Himmelshelligkeit in „Brightness“ des amerikanischen Komponisten und Organisten Carson Cooman (geboren 1982) zum Strahlen, Freude und Fröhlichkeit in der „Humoreske“ aus dem Duo für Altsaxofon und Orgel (1994) des kanadischen Organisten und Komponisten Denis Bédard (geboren 1950) zum Ausdruck. Sensible Registrierung, lebendiges, ausdrucksvolles Spiel, Herausarbeiten der jeweiligen Struktur durch Siebrasse und Wöhrle. Kleine Kostbarkeiten.

Ein weiterer bereichernder Kunstgriff waren die kleinen Saxofonzwischenspiele, miniaturartige Kompositionen; Wöhrle hat sie für dieses Konzert geschrieben. Sie nahmen die Stimmung des je vorangehenden Liedes auf und leiteten zum nächsten über – musikalische Pausen für die Zuhörenden.

Der coro per resistencia, der seine Gründung einer Konzertreihe des Nürtinger Max-Planck-Gymnasiums zugunsten des Sozialzentrums Margarita Belén verdankt, trat 1981 zum ersten Mal auf. Er hat sich inzwischen im Nürtinger Konzertleben einen Namen gemacht. Ihm gelang wieder die Interpretation des je Besonderen und Charakteristischen der Weihnachtslieder. Stimmlich präsent, homogen im Klang, begeisterte er die Besucher. Die schmale Besetzung der Männerstimmen, sechs Bässe, zwei Tenöre, verstärkt durch eine Tenorette, tat dem Gesamtklang des Chores keinerlei Abbruch.

Stimmungsgehalte sensibel zum Ausdruck gebracht

Der zeigte gleich mit dem ersten Chor a cappella – „Jul, jul, strålande jul“ –, wie sensibel er Stimmungsgehalte zum Ausdruck bringen kann. Wohltuend zurückgenommen und ohne Pathos das „Eta notsch swjataja“, ein ruhig-ausschwingender Chorsatz mit einem schwebenden Sopranpart. Rhythmische Präsenz bei „Corramos, corramos“ oder bei „Kiris Bara Bari“. Den romantischen, subjektbezogenen Zug „In the bleak midwinter“ arbeitete der Chor deutlich heraus. Swingend das afroamerikanische Spiritual „Rise up shepherd“ und getragen das „Búvaj, Diet’a krásne“ mit seiner eingängigen Weihnachtswiegenliedmelodie zu Beginn des sechsten, letzten Satzes des Konzerts.

Dieser sollte sich nicht zu einem bombastischen Schluss steigern, sondern „abebben“ (Wöhrle), dem Ausschwingen von Glocken vergleichbar, wie sie sehr plastisch im präzise artikulierten „Tan il dschong“ gestaltet wurden. In lichtem C-Dur schloss das nachhaltige Konzert mit „Festejo de Navidad“, dessen temperamentvoll gesungenes „Burum, burum, bum bum. Ha!“ noch mindestens bis zum Dreikönigstag nachhallen wird.

Reicher, verdienter Beifall für alle Ausführenden. Als sinnreiche Dreingabe das Lied von den eilenden Hirten „Corramos, corramos!“. Eine kleine Anmerkung noch: Um Inhalt und Gehalt der Carols tiefer zu verstehen, wäre die deutsche Übertragung der Texte im Programmblatt erhellend gewesen.

Helmuth Kern

NÜRTINGER ZEITUNG v. 10.12.2019

2300 Euro für das Kinderheim Casa del Sol

Voll besetzt waren die Kirchen in Nürtingen und Esslingen bei den Weihnachtskonzerten des coro per resistencia. Dank der großen Spendenbereitschaft der Besucher konnten am Ende 2.329,49 Euro für das Sozialzentrum Margarita Belén übergeben werden. Das Geld kommt dem Kinder­tagesheim Casa del Sol in Margarita Belén zugute, wo dringend in Mobiliar und Spiel- und Bastelmaterial investiert werden muss.

Weihnachtliche Benefizkonzerte für das Sozialzentrum in Resistencia

Carols aus aller Welt singt der coro per resistencia am Samstag, 7. Dezember um 19 Uhr in der Lutherkirche Nürtingen sowie am 2. Adventssonntag, 8. Dezember um 17 Uhr in der Kirche St. Maria in Esslingen-Berkheim. Unter der Leitung von Fabian Wöhrle erklingen bekannte und unbekannte Weihnachtslieder aus Schwe­den, Frankreich, Russland, Kanada, Venezuela, Großbritannien, Guinea, den USA, der Slowakei, Korea und Peru in teils traditionellen aber auch pfiffigen neuen Arrangements. Die junge Saxophonistin Anne Siebrasse wird zwischen den einzelnen Liedern überleiten und einige Solostücke beisteuern.

Der coro per resistencia verdankt seine Gründung einer Konzertreihe des Nür­tinger Max-Planck-Gymnasiums zugunsten eines Sozialzentrums nahe der Stadt Resistencia im Norden Argentiniens. 1981 trat der Chor im Rahmen eines solchen Konzer­tes erstmals auf, weitere Benefizkonzerte „per resistencia“ folgten – und geben dem seit damals mit klassischem wie vor allem auch ungewöhnlichem Reper­toire erfolgreichen Chor bis heute den Namen. Und bis heute kann das Sozialzentrum Margarita Belén seine Arbeit nur dank finanzieller Unterstützung und persönlicher Patenschaften weiterführen. Darum ist es dem Chor ein großes Anliegen, erneut dafür zu konzertieren.

Der Erlös der Benefizkonzerte wird der Ausstattung des angegliederten Kinder­tagesheims Casa del Sol dienen, in die über Jahre nichts mehr investiert werden konnte. Einiges Mobiliar ist marode, Spiel- und Bastelmaterial und ein paar ein­fache Rhythmusinstrumente stehen auf der Wunschliste. Die Förderung der Kinder und Jugendlichen steht nicht nur an Weihnachten an erster Stelle.

In Esslingen-Berkheim folgt im Anschluss an das Konzert ein persönlicher Be­richt zum Sozialzentrum Margarita Belén von Petra Heymann, Ammer­buch. Das Konzertpublikum ist dazu herzlich eingeladen.

7.12.2019, 19 Uhr: Evang. Lutherkirche, Jakobstraße 17, Nürtingen

8.12.2019, 17 Uhr: Kath. Kirche St. Maria, Christian-Knayer-Straße 10, Esslingen-Berkheim

Der Eintritt ist frei – Um Spenden wird herzlich gebeten.

Weitere Konzerte mit Jontef

Nach dem großen Erfolg im Frühjahr 2017 gibt es im Mai drei weitere Konzerte mit der Klezmer-Gruppe „Jontef“ und dem gemeinsamen Programm „Wos jiddisch is gewen“. Der Vorverkauf für diese Konzerte hat begonnen.
Zur Kartenreservierung.

Neuffen
Fr., 24. Mai 2019, 20 Uhr
Martinskirche, Kirchplatz

Esslingen
Sa., 25. Mai 2019, 20 Uhr
Südkirche, Spitalsteige 3

Stuttgart
So., 26. Mai 2019, 20 Uhr
Matthäuskirche, Erwin-Schoettle-Platz

Karten zu 16 (ermäßigt 10 €)

Vorverkauf:
Neuffen: Klaus Heimgärtner, Paulusstraße 9, Telefon 07025 57 02
Esslingen: Provinzbuch, Küferstraße 9, Telefon 0711 35 2738
Stuttgart: Buch im Süden, Böblinger Str. 151, Telefon 0711 649 38 52
Bestellung per E-Mail:
karten@coro-nuertingen.de

Die Geschichte des jüdischen Volkes ist durch die Jahrhunderte hinweg von Verfolgung und Umsiedelung geprägt. Das dadurch geprägte Lebensgefühl lebt in leidenschaftlichen Liedern fort, spiegelt sich in so quicklebendiger wie klagender Klezmermusik und mischt sich in die Klänge der Welt. Mit Chorarrangements von „Bei mir bist Du sheijn“ oder „Dona, dona“, mit unbekannten hebräischen und sephardischen Liedern, z.B. von Paul Ben-Haim, sowie mit fabelhaft interpretiertem jiddischem Klezmer spüren der „coro per resistencia“ und „Jontef“ der untergegangen jiddischen Kultur und ihren Überlebenswegen nach. Der coro per resistencia aus Nürtingen tritt seit über 30 Jahren mit einem musikalisch unkonventionellen Repertoire auf, vom klassischen a-cappella-Chor­gesang, über groß besetzte Chorwerke auch aus dem Bereich der Kirchenmusik, bis hin zu Jazz und Oper. Seit 2015 arbeitet der coro per resistencia mit Fabian Wöhrle und verbindet immer wieder musikalische und gesellschafts­politische Aspekte.

Diese stehen auch bei Jontef, dem erfolgreichen Klezmer-Quartett aus Tübingen um den in Israel geborenen Sänger und Schauspieler Michael Chaim Langer, vorne an: die Liebeserklärung an die untergegangene Welt der Stetl, voller Songs und gewitzter Anekdoten, ist gleichzeitig bittere Anklage und Warnung. Die musikalische Intensität steht dem in nichts nach: Die von Joachim Günther  brillant gespielte Klarinette und das temperamentvolle Akkordeon, Wolfram Ströles virtuose Violine, der humorige Kontrabass von Peter Falk. Musik, in der Wehmut und Ausgelassenheit eine einzigartige Verbindung eingehen.

Besprechung der NZ

Dramatisch, ausdrucksstark, bedrängend

Der coro per resistencia und die LE bigband brachten bei den Nürtinger Jazztagen Erlkönig-Vertonungen zum Klingen

Der coro per resistencia und die LE bigband gestalteten am Sonntag im Großen Saal der Rudolf-Steiner-Schule ein Jazztage-Konzert der besonderen Art. Foto: Jüptner

NÜRTINGEN. Zauber, Nacht, Liebe, Tod. Große, bewegende Themen. Um sie kreiste das eindrückliche Konzert des coro per resistencia am Sonntag im Großen Saal der Rudolf-Steiner-Schule. Dramatisch, ausdrucksstark, bedrängend auch. Die musikalische Leitung hatte Mihály Zeke, er vertrat den verletzten Fabian Wöhrle. Im Zentrum des Abends stand das expressive dreiteilige Oratorium Erlkönig/Elverskud (2006) des schwedischen Komponisten, Arrangeurs und Jazzmusikers Nils Lindberg, der darin eine dänische Ballade nach Niels W. Gades „Erlkönigs Tochter“(1853) verarbeitete. Mit der deutschen Erstaufführung leisteten der coro per resistencia und die LE bigband einen herausragenden Beitrag zu den Nürtinger Jazztagen.

Zum Beginn erklang Mystisches von Duke Ellington

Das stimmige, spannungsreiche Gesamtprogramm entfaltete die Nachtseiten einer übergriffigen Inbesitznahme instrumental und vokal auf der großen Bühne. Am Beginn: Die LE bigband unter der Leitung von Albi Hefele spielt Duke Ellingtons von Shakespeares Sommernachtstraum angeregten „Such Sweet Thunder“ (1957) – den „süßen Donner“ des Feenzaubers – mit seiner eingängigen Grundfigur als emotionales und grimmiges vorwärtstreibendes Geschehen. Solopartien hatten Mathias Paar (Trompete) und Fabian Beck (Posaune).

Dann erklingt aus „A Passion for John Donne“ (2011/12) das düstere „Nachtstück zum Sankt-Lucia-Tag, dem kürzesten Tag des Jahres“ für Chor und Jazzensemble (Klaus Hügl, Klavier; Andreas Fetzer, Gitarre; Tobi Bodensieck, Bass; Alex Neher, Drums). Komponist ist Ketil Bjørnstad, norwegischer Schriftsteller, Lyriker, grenzüberschreitender Musiker. Er setzt sich hier mit einem anspielungsreichen Liebesgedicht des englischen Dichters John Donne, Zeitgenosse Shakespeares, musikalisch auseinander. Wie ein Ruf aus fernen Zeiten wirkt die Melodie, von Andreas Francke (Altsaxofon) ausdrucksvoll gespielt. Aus der unisono gesungenen volksliedhaften Weise wird strömende, meditative Mehrstimmigkeit, dazu immer wieder flirrende Klaviertöne über Bassfundament. Melancholischer Ausklang. Benjamin Himpel, Sopransaxofon, und Andreas Francke gestalten ihn sensibel, transparent, mit langem Atem, den Klangfarben der Instrumente nachspürend.

Kontrastreich dazu der swingende „Moondance“ (1970) von Van Morrison in der Version von Michael Bublé, arrangiert für Chor und Bigband von Marc Hügeli, in dem die „verliebte Seite der Nacht“ zur schwungvollen, den ganzen Chorkörper erfassenden Musik wird, der auch mit seinen sensiblen Einsätzen ziemlich zurechtkommt. Am Ende scheint in den düsteren Klängen der LE bigband eine andere Seite der Liebe auf.

Sehr überlegt knüpft daran die für den Blues typische melancholische Grundstimmung an: „Ground Blues“ von Heinz Herrmann, arrangiert für Bigband von Peter Herbolzheimer. Die Soli von Tom Martin (Tenorsaxofon) und Uli Röser (Posaune), rufen großen Beifall hervor.

In der swingenden Ouvertüre aus „Strike up the Band“ (1927) aus dem gleichnamigen Musical von George Gershwin, arrangiert für Bigband von Sammy Nestico, wird in den Soli von Andreas Francke und den fast explodierenden Drums etwas vom Inhalt des Musicals, das sich um einen militärischen Handelskrieg (!) dreht, deutlich.

Spannungsvolles Klanggewebe

Dann das zentrale Werk des Abends: Erlkönig, ein dramatisches Gedicht über todbringende Liebesgewalt. Die Bigband um Pauken (Albrecht Meincke) und Percussion (Said Azh) verstärkt. Im Prolog schildert der Chor die erste Begegnung von Meister Oluf mit dem Zauberreich; ein spannungsvolles, rhythmisch pointiertes Klanggewebe, Bigbandsound, sinfonische Elemente, diffizile Chorpassagen, luftiges Chimesgewisper (Klangstäbe).

Erster Teil: Die beiden Solisten, Sandra Hartmann (Sopran) und Florian Götz (Bariton) entwickeln das tragische Geschehen, voller Leidenschaft mit ihren modulationsreichen, tragenden Stimmen, ihren theatralen Fähigkeiten. Mit feinem Gespür für Dramatik gestalten sie stimmgewaltig die Auseinandersetzung um die Warnung der Mutter vor Erlkönigs Hain, da ihr Sohn am späten Abend vor seiner Hochzeit noch fortreiten will, um einen Gast einzuladen. Düster ist der zweite Teil. Oluf entkommt Erlkönigs Tochter nicht, die tut ihm todbringende Gewalt an. Gezeichnet flieht er. Im dritten Teil bricht Oluf vor seiner ängstlich wartenden Mutter tot zusammen. Die mahnende Lehre aus der Geschichte folgt im Epilog. Sie gewinnt heute, im Kontext repressiver Mechanismen in Politik und Gesellschaft, neue Aktualität.

Ein kontrastreiches Werk, eindringlich, expressiv musiziert: voller Brüche, mit schrillen reibenden Harmonien, sanften Auflösungen, vorwärtstreibend und innehaltend, stimmungsmalerisch, mahnende, erzählende Chorpartien, voll ausgespielter Bigband-Sound mit bravourösen Soli und einem musikalisch im Schwebezustand bleibenden Schluss. Die Begeisterung des Publikums entlädt sich in minutenlangem Beifall.

Zum Schluss: „The Erl-King“ – Jazz-Version. Ben Vatter hat die Schubert’sche Liedfassung des bekannten Goethe-Gedichts „Der Erlkönig“ (1782) 2016 für fünfstimmigen Chor und Jazzensemble arrangiert, ein in der Tat „pfiffiges Chorstück, das den Zuhörer mit einem Schreck in die Nacht entlässt“.

Am Ende langer stürmischer Beifall. Wöhrle wird auf die Bühne gebeten und singt in der Zugabe im „Moondance“ begeistert mit. In diesem Konzert wurde deutlich, welch großen Herausforderungen der coro per resistencia gewachsen ist und welch ein Reiz in der Synthese von Bigband und Chor liegt.

VON HELMUTH KERN Nürtinger Zeitung vom 20.02.2019

Nürtinger Jazztage 2019

Nürtinger Jazztage 2019: Erlkönig /  Elverskud, Nils Lindberg
(Dt. Erstaufführung), für 
Soli, Chor und Big-Band

Sonntag, 17. Februar 2019, 19 Uhr, Rudolf-Steiner-Schule, Großer Saal   

Karten sind an der Abendkasse ab 18.15 Uhr erhältlich. 

Nach dem vielbeachtet gemeinsamen Auftritt mit Duke Ellingtons „Sacred Concert“ bei den Jazztagen 2013 in der voll besetzten Johanneskirche präsentieren der coro per resistencia und die LE Big-Band jetzt ein spannendes und abwechslungsreiches Programm mit Goethes Erlkönig in einer Jazzfassung von Ben Vatter oder „Moondance“ von Van Morrison. Im Mittelpunkt steht „Elf-shot“ von Nils Lindberg, der die dänische Volksballade Elverskud vertont, die über Herdes Adaption “Erlkönigs Töchter“ Pate für die Goeth‘sch Ballade stand. Das mehrsätzige Werk für Soli, Chor und Big-Band ist hierzulande unbekannt und wird bei den Nürtinger Jazztagen erstmals in Deutschland aufgeführt.
Hinzu kommen Kompositionen von Ketil  Bjørnstad, Duke Ellington, George Gershwin u.a.

Der Nürtinger coro per resistencia hat immer wieder durch außergewöhnliche Projekte wie der ersten kompletten Aufführung des „Canto General“ von Mikis Theodorakis in Deutschland oder Michael Tippetts „A Child of Our Time“ auf sich aufmerksam gemacht. Die LE Big-Band unter ihrem musikalischen Leiter Albi Hefele bereichert seit vielen Jahren die Jazzszene weit über den regionalen Rahmen hinaus. Das Ensemble spielte schon mit Jazz-Größen wie John Clayton, Peter Herbolzheimer oder Ack van Rooyen zusammen und ist heute „einer der führenden süddeutschen Bigbands“ (Frankfurter Rundschau).

Sandra Hartmann (Sopran) studierte Gesang in Stuttgart, Würzburg und Budapest. Zu ihrem Repertoire gehören sowohl Oratorienliteratur und Liedgesang als auch Chansons, Schlager und Jazz. Sie war wiederholt Gast an der Staatsoper Stuttgart und der Jungen Oper Stuttgart und sang in zahlreichen Kirchenkonzerten und Oratorien. Beim Engagement im Friedrichsbau Varieté Stuttgart im Programm »Déjà Revue« konnte sie den Facettenreichtum ihrer Stimme, der von Chanson über Jazz bis Popularmusik reicht, unter Beweis stellen. 2007 gewann sie den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg 2007 mit dem Programm „Rosenzeit – Liebesleid“ mit und von Peter Schindler vertonten Liebesgedichten.

Der Bariton Florian Götz studierte Gesang in London und Weimar und gastierte bereist in renommierten Opernhäuser wie Amsterdam, Erfurt, Leipzig, Reims, Weimar, Paris und  München. Er ist Gast zudem renommierter Festivals wie Ludwigsburger Schlossfestspiele und arbeitet mit Orchestern wie Gewandhaus-Orchester Leipzig, Nürnberger und Stuttgarter Symphoniker, Lautten Compagney Berlin, L’arte del Mondo, Ricercar Consort unter Dirigenten wie Sir Collin Davis, Antony Bramall, Nicolas Milton, Wolfgang Katschner und Michael Sanderling. Florian Götz ist unter anderem Preisträger des Internationalen Wettbewerbs Kammeroper Schloss Rheinsberg und Stipendiat des Richard-Wagner Verbandes.

Sandra Hartmann, Sopran

Florian Götz, Bariton

coro per resistencia

LE-Big-Band

Gesamtleitung: Fabian Wöhrle

Eintritt 24 € / 18 € (erm. 12 €)

Karten können ab sofort per Mail unter karten@coro-nuertingen.de reserviert werden.

„A Child of Our Time“

Eine Mahnung zu Toleranz,
Humanität und Gerechtigkeit

70 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte führt der coro per resistencia in Kooperation mit amnesty international in der Nürtinger Stadtkirche  Michael Tippetts Anti-Kriegs-Oratorium „A Child of Our Time“ auf. Karten sind ab sofort erhältlich.

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Tippett hat dieses Werk in den Jahren 1939 bis 1941 aus Protest gegen Diktatur und Rassismus geschrieben. Er plädiert leidenschaftlich für eine Versöhnung, die mit der Akzeptanz der eigenen
Schattenseiten beginnen muss. Wie wichtig es für eine Welt ohne Gewalt und Unrecht nach wie vor ist, sich aktiv für die Menschenrechte einzusetzen, wird Dr. Rainer Huhle vom Nürnberger Menschenrechtszentrum vor Konzertbeginn referieren.
Das „Kind unserer Zeit“, das Michael Tippetts Werk den Namen gab, ist Herschel Grynszpan, der 1921 in Hannover geborene Sohn polnischer Juden. Die Eltern des Jungen wurden Ende Oktober 1938 mit ca. 15.000 Juden von der nationalsozialistischen Regierung nach Polen abgeschoben, von den polnischen Behörden jedoch zurückgewiesen und mussten sich unter erbärmlichen Bedingungen im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen aufhalten. Bei dem Versuch seinen Eltern zu helfen, schlug dem 17-Jährigen kalte Ablehnung entgegen, worauf er aus Verzweiflung den Legationsrat der Deutschen Botschaft in Paris erschoss. Dieses Attentat löste die Pogrome vom 9. November 1938 aus.
Tippett orientiert sich mit seinem Werk an der barocken Oratorientradition und übersetzt sie mit den Mitteln seiner Tonsprache in die Jetztzeit. Wie bei den großen Oratorien und Passionen treibt ein Erzähler die Handlung voran, die Solisten stellen einzelne handelnde Personen dar oder meditieren das Geschehen, der Chor übernimmt die Funktionen des Kommentators und der Volksmenge. Statt der traditionellen Choräle verwendet Tippett Spirituals und verleiht damit einer weiteren unterdrückten Menschengruppe eine Stimme.
„A Child of Our Time“ ist eine Mahnung zu Toleranz, Humanität und Gerechtigkeit, die in dieser Eindeutigkeit und universelle Verständlichkeit in der neueren Musik nur wenige Gegenstücke hat.

Karten sind ab sofort im Stadtbüro der Nürtinger Zeitung, Am Obertor 15, Tel. 07022 9464-150, www.ntz.de/tickets
sowie unter karten@coro-nuertingen.de erhältlich.

Michael Tippett
„A Child of Our Time“
Oratorium für Soli, Chor und Orchester

Sonntag, 17. Juni 2018, 19.30 Uhr
Ev. Stadtkirche St. Laurentius Nürtingen

 

Musik als Botschafterin der Hoffnung

Der coro per resistencia brachte in der Nürtinger Johanneskirche Brittens „Saint Nicolas Cantata“ zur Aufführung

Der coro per resistencia, das ensemble flessibile, Dirigent Fabian Wöhrle und Tenor Roger Gehrig in Aktion. Foto: Erika Kern

NÜRTINGEN. Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-Moll und Benjamin Brittens „Saint Nicolas Cantata“ op. 42 standen auf dem Programm des Konzerts des coro per resistencia am Samstag in der Kirche St. Johannes. Instrumental das eine, für gemischten Chor, Tenor, Klavier, Streicher, Schlagzeug und Orgel das andere. Zwei gewaltige, klangstarke und dramatische Werke, die begeisterten. Die Leitung dieses eindrücklichen Konzerts hatte Fabian Wöhrle.

1938 wurde Poulencs Orgelkonzert, eine Auftragsarbeit, in Paris uraufgeführt, 1948 Brittens „Saint Nicolas Cantata“, komponiert zum 100-jährigen Schuljubiläum des Lancing College, einer Privatschule in der gleichnamigen Stadt an der Südküste Englands, deren Schutzpatron der heilige Nikolaus war.

Beide Daten markieren gravierende Zäsuren. 1938 wurde mit der Ausstellung „Entartete Musik“ die Moderne verfemt und verfolgt. Anders 1948. Der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime waren vorbei. Musik der Moderne konnte in Deutschland wieder aufgeführt werden. Musik machte Hoffnung, war Freiheit. Auch vor diesem Hintergrund bekam die Aufführung Gewicht und Bedeutung.

Orgel und Orchester liefern sich expressive Dialoge

In seinem mächtigen einsätzigen Orgelkonzert verarbeitet Poulenc Musikmaterial aus unterschiedlichen Zeiten. Monumental und scharf in den Raum gesetzte Anfangsakkorde der Orgel mit vollem Werk erinnern an eine Toccata oder eine Fantasie von Bach. Bedrohlich wirkende Schläge der Pauke als spannungssteigerndes Soloinstrument, Brechungen, harmonische Spannungen. Expressive Dialoge zwischen dem schmal besetzten, durchsichtig und doch kraftvoll musizierenden ensemble flessibile und der Orgel. Klangfarbenreichtum.

Überraschungsreiche Tempiwechsel, kontrastreiche Themen. Statische Klangflächen gegen vorwärtstreibende Klangfolgen. Mitreißende Stimmungsvielfalt: lyrisch, freudig, klagend und jubelnd. Schwelgerische Streicherkantilenen, gedehnte Orgelpunkte. Immer wieder die Atmosphäre Bachscher Orgelmusik. Anklänge an Jahrmarktsmusik bringen pulsierendes Leben ins Spiel. Die reich und effektvoll registrierte Orgel spielte eindrucksvoll mit Klangfarbe, Tiefenraum und Dynamik. Das alles erzeugt Stimmungen beim Hörer, nimmt ihn mit in Poulencs Musikwelt. Sehr eindringlich interpretiert von den beiden Solisten Michael Spors (Orgel), Johannes Reischmann (Pauke) und dem ensemble flessibile.

Was bei Poulenc ein Drama ohne Worte war, bekommt bei Britten durch den Wortsinn eine klare Richtung. Der Librettist Eric Crozier hat eindrückliche Szenen aus dem Leben des heiligen Nikolaus zu dramatischem Geschehen verdichtet: Geburt des Nikolaus, Gelübde, sein Leben Gott zu weihen, Überfahrt nach Palästina, Bischofswahl in Myra, Gefängnishaft, große Wundertaten und sein Weggang ins Jenseits. Der 35-jährige Britten, ein Förderer der Laienmusik, verklanglicht das bildreiche Geschehen für Amateurmusiker, Schulchor und -orchester des Lancing College, unterstützt von fünf Berufsmusikern. Die Anforderungen an einen Laienchor sind durchaus beachtlich. Der coro per resistencia mit seinen etwas mehr als dreißig Sängerinnen und Sängern war ihnen gewachsen – als gemischter Chor, in den Passagen für Männer- oder Frauenstimmen oder in A-cappella-Partien. Den von Britten vorgeschriebenen Gallery-Chor, einen Kinderchor, besetzte Wöhrle mit fünf Sängerinnen. Versiert und intonationsrein sangen Susanne Dahmann, Gesine Hofinger, Caroline Oestreich (Solo als junger Nikolaus), Christine Plattner, Ursula Schaal.

Britten arbeitet mit einem klangfarbenreichen Instrumentarium, Streicher, diversem Schlagzeug, einem Klavierduo und Orgel. Seine Cantata hat oratorische Züge: rezitativartige und ariosoartige Partien für Tenor (Nikolaus) wechseln mit Chorszenen voller Emotion und Spannung. Zwei Choräle kennzeichnen dramaturgisch wichtige Stellen.

Vokaler Klangkörper voller Begeisterung und Energie

In Roger Gehring hatte Wöhrle einen verlässlichen Tenor, der mit seiner ausdruckstarken, volumenreichen, nie theatralisch überzogenen Stimme den Bedeutungsgehalt seiner Partien überzeugend herausarbeitete. Mit dem coro per resistencia hatte Wöhrle zudem einen vokalen Klangkörper voller Begeisterung und Energie und mit dem ensemble flessibile ein verlässliches Orchester, feinsinnig musizierend und die unterschiedlichen Charaktere der Teile präzise herausmodellierend.

Nikolaus, die Titelfigur, kommt in der Introduktion, markiert durch die weit ausgespannte cantabile Solopartie der ersten Violine (Eduard Sonderegger) und dem Gleichmaß der Paukenschläge gleichsam aus der Zeitenferne. Seine Tugenden wollen wiedergefunden werden. Neun Teile voll musikalischer Dichte, atmosphärenreich, mit einer breiten Palette an musikalischen Mitteln, die das Geschehen hörbar machen. Oszillierend zwischen Harmonien und verstörenden Disharmonien. Rhythmisch betonte und lyrisch sich entwickelnde Passagen, expressive Schlagzeugphasen, flirrende Klavierklänge. Zusammen mit dem Gallery-Chor, der von der Orgelempore her einfällt und meist mit der Orgel zusammen erklingt, den Instrumentalisten und dem Chor schafft der Komponist eine Art Raumklanginstallation. Sie umgibt den Zuhörer und zieht ihn in die Musikerzählung immer mehr hinein: in das Bedrohliche, das Exaltierte, das Bestürzende, das Grässliche einer Hungersnot und das Wunderbare der Wiederbelebung dreier geschlachteter und eingepökelter Knaben; in die Düsternis des Todes und die Hoffnung auf eine gnädige Aufnahme im Himmel, in das Beschützende und Hoffnung Verkündende auch.

Das Werk endet mit einem kraftvollen Hymnus und einem hoffnungsvollen Amen. Ein mutmachender, tröstlicher Schluss, voller Zuversicht. Kurzes Innehalten – dann großer Beifall.

Helmuth Kern, Nürtinger Zeitung v. 6.12.2017

Benjamin Britten „Saint Nicolas“

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Der coro per resistencia widmet sich am Vorabend des 1. Advent mit Benjamin Brittens 1948 entstandener Saint Nicolas Cantata op. 42 dem Leben des Heiligen Nikolaus.

Geboren in Patara, der heutigen Türkei, wirkte dieser in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts als Bischof von Myra. Wenige Fakten seines Lebens sind tatsächlich verbürgt, dafür gibt es sehr viele Legenden um sein Wirken und seine Wohltaten. Eric Croizier, der Librettist von Brittens ,Cantata‘, hat neun plastische Szenen geschaffen, die der berühmte englische Komponist in kongenialer Weise vertont hat. Britten verwendet ein exquisites Instrumentarium, bei dem sich zum Streichorchester ein Klavierduo und diverses Schlagwerk gesellen. Dem Chor ist ein sogenannter ,gallery choir‘ gegenübergestellt, der meist zusammen mit der Orgel erklingt. Der Person des Nikolaus ist die Stimme des Solotenors zugeordnet.
Einleitend erklingt das Orgelkonzert in g-Moll von Francis Poulenc, das 1938 entstand. In nur einem Satz entwickelt der Komponist ganz charakteristische musikalische Landschaften. Das Werk ist das bedeutendste Orgelkonzert des 20. Jahrhunderts und wird weltweit gespielt.
Beide Werke bieten eine spannende Alternative zum klassischen Kanon der Advents- und Weihnachtsmusik.

Eintritt 18,00 € (ermäßigt 10,00€)
Vorverkauf im Stadtbüro der Nürtinger Zeitung, Am Obertor 15,
Tel. 07022  9464 150, www.ntz.de/tickets;
bei Chormitgliedern oder per Mail: karten@coro-nuertingen.de

Presseberichte zu „Wos jiddisch is gewen“

Publikum ins Herz getroffen

„Sie werden einen besonderen Abend erleben, das verspreche ich ihnen“, so begrüßte der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Markus Löble, die Gäste im Herrensaal des Christophsbads. Den Abend, reich an Emotionen, bestritten fortan das Chorensemble „coro per resistencia“ aus Nürtingen und das Tübinger Klezmer-Quartett „Jontef“.

Ein leidenschaftlicher Chor unter Leitung von Fabian Wöhrle präsentierte sich mit einem breiten, musikalisch anspruchsvollen Programm. Am Bechstein-Flügel begleitete Claudia Großekathöfer virtuos und gefühlvoll das Chorprogramm. Der Titel „Dos Kelbl, donay, donay“, enthielt schöne Solo-Partien auf dem Flügel.

Auch das Tübinger Klezmer-Quartett „Jontef“ brachte jiddische Lieder und Klezmer mit und traf beim Publikum vom ersten Takt an mitten ins Herz. Wie ein Fest gestaltete das Quartett den Abend fortan mit Liedern, aus der reichen Geschichte des Judentums, die sich um Freude und Leid rankt. Michael Chaim-Langer fesselte das Publikum mit seinem lebhaften Gesang. Der studierte Schauspieler und Sänger lebt die Inhalte und zieht die Zuhörer ins Geschehen mit hinein. Im Titel „Bels“ nimmt er die Zuhörer mit ins Städtchen Bels, das für jede Heimat stehen könnte, die vermisst wird. Die Gänsehautmomente  werden unterstrichen von Joachim Günther (Klarinette/Akkordeon), Wolfram Ströle (Violine, Gitarre) und Peter Falk (Kontrabass).

Einige Instrumentalstücke zeigten das musikalische Können der Musiker und die Liebe zu ihrem ganz persönlichen Instrument. Mit „Ich hab dich lieb“ gab es gegen Ende des Abends ein Liebeslied, das sich mit seiner Aussage auch dem Publikum zuwandte. Mit Chorarrangements von „Bei mir bist du sheijn“ oder „Dona, dona“, mit unbekannten hebräischen und sephardischen Liedern, etwa von Paul Ben-Haim, sowie mit fabelhaft interpretiertem jiddischem Klezmer spürten der „coro per resistencia“ und „Jontef“ der jiddischen Kultur und ihren Überlebenswegen nach. Beide Ensembles erhielten großen und verdienten Applaus. Mit einer Zungenbrecher-Zugabe lieferten die Ensembles ein furioses Finale.

NWZ, 22. Mai 2017

Labsal fürs Gemüt und Balsam für die Seele

coro per resistencia und Jontef präsentieren jiddische Lieder und Klezmer

Der coro per resistencia und Jontef (Wolfram Ströle, Joachim Günther, Michael Chaim Langer und Peter Falk (vorne von links nach rechts) bei der gemeinsamen Zugabe. Foto: Erika Kern

NÜRTINGEN. Dass Lieder, wie sie zu Festen, Feiern oder auch im Alltag erklingen, das Lebensgefühl eines ganzen Volkes auf sehr berührende Weise deutlich machen, war am Samstagabend im voll besetzten Großen Saal der Rudolf-Steiner-Schule zu erleben: „Jiddische Lieder & Klezmer“, ein nuancenreiches Konzert des coro per resistencia, mit Claudia Großekathöfer am Klavier und unter der einfühlsamen Leitung von Fabian Wöhrle, in einer gelungenen Kooperation mit dem Klezmer-Quartett Jontef aus Tübingen. Im tragenden Thema des Abends, „Wos jiddisch is gewen“, wurde den vielfältigen Facetten von Freude und Leid, Wehmut und Hoffnung in einundzwanzig Liedern nachgespürt. Lieder des jüdischen Volkes, dessen Existenz durch Jahrhunderte hinweg durch Verfolgung, Flucht und Umsiedlung bedroht waren, dessen jiddische Kultur und Sprache Ghetto und Holocaust überlebten und dessen Musik heute zur Weltmusik gehört.

Die Programmfolge und das Wechselspiel von Klezmer und coro per resistencia überzeugte. Jontef, mit dem in Israel geborenen Schauspieler und Sänger Michael Chaim Langer, Joachim Günther (Klarinette, Akkordeon), Wolfram Ströle (Violine, Gitarre) und Peter Falk (Kontrabass), ließ in seinen lebendigen, äußerst musikantisch und ausdrucksstark gesungenen und gespielten jiddischen Liedern die Musik der osteuropäischen Juden aufleben, die Wandermusiker auswendig vor begeistertem Publikum spielten und die später in Amerika weiterlebte. Die humorvoll-doppelbödigen Einlagen Langers waren ein geschicktes Inszenierungsmittel, um an zentralen Stellen auf das nächste Lied vorzubereiten.

Authentizität und große emotionale Ausstrahlung

Dazwischen erklangen jeweils Chorsätze in einer gelungenen Auswahl, Lieder sephardischer (spanischer) Juden, Lieder des 20. Jahrhunderts aus Israel und jiddische Lieder, die ihr internationales Weiterleben in Musicals und Film belegten. Wöhrle hatte meist schlichte, sehr prägnante, dem inhaltlichen Duktus der Lieder nachspürende Arrangements ausgewählt. Das ergab einen homogenen und transparenten farbenreichen Chorklang, gab den Liedern Authentizität und große emotionale Ausstrahlung, sie berührten und begeisterten die Zuhörer unmittelbar. Von Jontefs mitreißendem „Was jiddisch is gewen“ an, in dessen letzter Strophe die Hoffnung der Judenheit auf einen Messias aufscheint, entwickelte sich die Liedfolge zu einem stimmigen Ganzen.

So führte der coro per resistencia die Zuhörer von heiterer, ausgelassener Stimmung am Dorfrand im bäuerlichen Eretz-Israel, gesungen in hebräischer Sprache, zu wehmütigem Ernst, der mit dem Lernen des hebräischen Alphabets und der Tora zu tun hat, hält inne beim getragenen „Tum Balalayka“, in dem ein Junge über ein Rätsel das richtige Mädchen finden will. Sehnsucht nach der verlorenen jüdischen Heimat ist dann Thema bei Jontef, die Sehnsucht der Sepharden (instrumental), die der Ostjuden im dramatisch-kontrastreich interpretierten „Bels“. Wie es im Schtedl zuging, das breitet Langer mit seiner Gruppe dann voller Humor und Spielfreude aus; Joachim Günter auf seiner Klarinette hat dabei einen tragenden Part. Den Faden spinnt dann der coro per resistencia weiter, singt klangschön, in hebräischer Sprache von der schönen alten wieder hervorgeholten Melodie, dann in ladinisch, der Sprache der Sepharden, vom komplizierten Verliebtsein, einem anspruchsvollen A-cappella-Chorsatz von Paul Ben-Haim, einem der Gründerväter moderner israelischer Musik.

Mit dem bekannten „Bay Mir Bistu Sheyn“ in der Musical-Fassung von 1932 (Sholom Segunda) wird Amerika zum Schauplatz des Geschehens. Jontef wiederum besingt Amerika als Land, in dem die jüdischen Sitten verfallen: „What can you mach, ’s is’ Amerika“. Als das Land der Immigranten mit ihren betrogenen Hoffnungen beschreibt es „Die grine kusine“ mit ihrer Mischung aus amerikanischem Text und jiddischen Sprachfetzen. Beim „verrückten Hochzeitstanz“ lässt Wolfram Ströle in packendem Spiel seine Geige singen.

Dann wechselt die Stimmung. Der coro per resistencia singt von Trennung und Liebessehnsucht und vom Schicksal der in Auschwitz ermordeten Juden, um die es in „Donay, donay“, im Lied vom Kälbchen, geht. Dann ein traditionelles sephardisches Lied: „La komida la manyana“ arrangiert von Alon Wallach, (geb. 1980 in Jerusalem). Über dem rhythmischen, lebhaften, gleichbleibenden Fundament (Ostinato) der Männerstimmen entwickelt sich flächig in den Frauenstimmen die Erzählung von einer sehr verliebten Tochter; ihre Mutter warnt sie vor der Enttäuschung ihrer Liebe. Mit großer vokaler Präzision und feinfühliger Dynamik interpretierte der Chor das vom spannungsvollen 7/8-Takt geprägte Lied.

Die Bedeutung eines Lebens in der Gegenwart wird in „Sol sajn“ von Jontef thematisiert. „Kann sein, mein Schiff kommt ans Ufer nie. Was liegt mir daran, dort je anzukommen. Mir genügt der Gang auf dem sonnigen Weg.“ Mit „Dojne“ treibt das Geschehen ekstatisch auf das große, gemeinsame Finale von coro per resistencia und Jontef zu, in dem die Liebesmacht der Klezmermusik besungen wird: „Oy Mame“ (Abraham Ellstein, 1941) aus dem Film „Yidl Mitn Fidl“.

Frenetischer Beifall, Dreingaben und ein enthusiasmiertes Publikum waren dann das eine, das andere die Erkenntnis: Diese Musik hat mit mir zu tun, weil sie Aufforderung zu politischer Wachsamkeit ist, warnendes Beispiel auch.

Helmuth Kern, Nürtinger Zeitung vom 23.5.2017