Chorkonzert in Nürtingen als Zeichen für ein friedliches Zusammen­leben

Der „coro per resistencia“ bringt am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, in der Stadtkirche Sankt Laurentius Paul Ben-Haims „Schabbat-Liturgie“ zu Gehör.

Von Volker Haussmann

NÜRTINGEN. Der Nürtinger Chor „coro per resistencia“ hat sich in den 44 Jahren seines Bestehens mit einem musikalisch und thematisch unkonventionellen Repertoire einen Namen gemacht. Am Internationalen Tag des Ge­den­kens an die Opfer des Holocaust, der am 27. Januar begangen wird, gibt der Chor abermals ein in mehrfacher Hinsicht außergewöhnliches Chorkonzert in der Nürtinger Stadtkirche (Beginn um 19 Uhr). Im Zentrum des musikalischen Geschehens steht die „Schabbat-Liturgie“ des deutsch-israelischen Komponisten Paul Ben-Haim, ein Chorwerk, das komplett in hebräischer Sprache gesungen wird.

Das Konzert war ursprünglich für den Mai 2020 geplant, fiel dann aber Corona zum Opfer

Der „coro per resistencia“ holt damit sein ursprünglich für Anfang Mai 2020 vorgesehenes Konzert nach. Seinerzeit stand hinter dem ambitionierten Chorprojekt der Gedanke, zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich am 8. Mai 2020 zum 75. Male jährte, an die Opfer des Holocaust zu erinnern. Die sich rasant ausbreitende Corona-Pandemie stoppte damals die bereits weit gediehenen Konzertvorbereitungen. Auf der Suche nach einem passenden Termin für eine Wiederaufnahme des Chorprojekts einigte man sich im Chor auf den 27. Januar 2024, den Holocaust-Gedenktag. Im Sommer letzten Jahres begann der Chor mit den Proben.

Der Umstand, dass seit drei Monaten die israelische Armee im Gazastreifen Krieg führt, hat nun allerdings bei den Chormitgliedern die Befürchtung geweckt, man könnte die gut gemeinte Absicht des Konzerts eventuell missdeuten. Die Sängerinnen und Sänger nutzten einen Probeabend im Dezember, um die Möglichkeiten, wie man mit dieser Thematik umgehen könnte, zu erörtern. Ein Ergebnis dieses Abends: Keinesfalls wollen die Mitglieder des Chores mit dem Gedenkkonzert den Eindruck erwecken, dass sie das rigorose Vorgehen der israelischen Armee gegen die palästinensische Bevölkerung gutheißen. Frank Hoffmann, Vorsitzender des Chores, versteht das Konzert vielmehr als „Botschaft für den Frieden“. Und Chorleiter Fabian Wöhrle verbindet mit dem Konzert die Absicht, „für den Frieden und die Verständigung in der Welt“ werben zu wollen. Wie der Chor in seinem Info-Flyer deutlich macht, soll mit dem Konzert „ein Zeichen für ein friedliches Zusammen­leben und gegen anti­semi­tische und andere rassistisch oder religiös begrün­dete Gewalt“ gesetzt werden.

Diverse Male hat der „coro per resistencia“ in der Vergangenheit bereits Kompositionen von Paul Ben-Haim („Sephardic Folksongs“) zu Gehör gebracht. „Wir kamen über Ben-Haim auf die Schabbat-Liturgie“, berichtet Frank Hoffmann. „Dass das Werk in hebräischer Sprache gesungen wird, stand dabei für uns nicht im Vordergrund.“

Paul Ben-Haim (1897 bis 1984) wurde in Mün­chen unter dem Namen Paul Fran­ken­bur­ger geboren und war als Dirigent unter anderem in Augsburg tätig. Gleich nach der Machtergrei­fung der National­sozialisten 1933 emi­grier­te er nach Palästina und wurde später die zentrale Kompo­nisten­per­sönlichkeit für jüdische Musik. Seine Schabbat-Liturgie (engl. „Friday evening Service“) ent­stand 1966 im Auftrag der „National Federation of Temple Youth“. Sein Ansinnen war dabei, die Gebete des jüdischen Gottes­dienstes so einfach und maßvoll wie mög­lich in Musik zu setzen und damit den Geist der jüdischen Liturgie zu erfassen.

Das Werk ist für einen Tenorsolisten (den Kantor), ein Sopran­solo, Chor und neun Instrumente komponiert. Ergän­zend und rah­mend erklin­gen im Konzert Werke von Maurice Ravel („Kaddisch“), Ben-Haim (2. Satz der Sonate in G, Violine solo) und Kurt Weill („Kiddusch“). Im Wechsel mit dem musikalischen Geschehen werden Texte unter anderem von Marcel Reich-Ranicki, Jizchak Katzenelson, Arnold Schönberg und Nelly Sachs gelesen.

Das Konzert am Samstag, 27. Januar, 19 Uhr, in der Nürtinger Stadtkirche wird am Sonntag, 28. Januar, 17 Uhr, in der Südkirche in Esslingen (Spitalsteige 3) wiederholt. Mitwirkende bei beiden Konzerten sind – außer dem „coro per resistencia“ – Dietrich Wrase (Tenor), Caroline Oestreich (Sopran), Barbara Stoll (Sprecherin), Wolfgang Jellinek (Violine) und das essemble flessibile. Die Gesamtleitung hat Fabian Wöhrle.

Karten im Vorverkauf gibt es im Stadtbüro der Nürtinger Zeitung, Am Obertor 15, Telefon (07022) 9464-150, sowie jeweils an der Abend-/Tageskasse.

 

Nürtinger Zeitung v. 13.1.2024

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